Sehr geehrte Damen und Herren, sehr geehrter Herr Vorsitzender,

Ich möchte ganz persönlich anfangen, und ihnen ein paar eigene Erlebnisse schildern– die Message dazu kommt anschließend.

In der Grundschule wurde ich von meiner damaligen Musiklehrerin zusammen mit den deutsch-russischen und türkischen Kindern zur Seite gestellt mit der Begründung: jetzt singen nur die deutschen Kinder.

In der 5. Klasse fing ich an mit meinen Schulkameraden Englischunterricht zu bekommen. Das Übungsbuch hat vom Alltag in England erzählt. Dabei ging es auch um typisch „Britische“ Traditionen. Als es dann in der Pause mal zu Streitigkeiten oder Diskussionen kam, war ein Satz da, den ich oft gehört habe: „Halts maul, und geh’ mit der Queen Tee trinken“. Menschen, die noch nie auf ihre Nationalität oder ihren Migrationshintergrund reduziert wurden mögen das vielleicht nicht verstehen, aber das hat mehr weh getan als das “Halts maul” das auch andere zu hören bekamen

In meiner Jugend sind wir von einer Party Heim gelaufen, als ein paar Schulkameraden und deren Bekannte meinten „Sieg Heil“ zu rufen und die Hand zu heben. Als wir ihnen sagten, dass wir das nicht wollen und sie damit aufhören sollen, meinten sie wiederum, sich mit uns prügeln zu müssen.

Noch ein paar Jahre später, ich war damals im Kreistag Limburg-Weilburg und hatte zusammen mit der grünen Jugend „Anti Rechts“ -Veranstaltungen organisiert, als ich einen Anruf von einem Unbekannten erhielt. Er sagte mir, dass ich doch die Polizei anrufen, und sie über ein „Nazikonzert“ informieren soll. Er selbst könne das nicht machen, da er durch die Antifa in der Scene zu bekannt sei und die Nazis später wüssten, wenn er angerufen hätte.

Rassismus und Ausgrenzung begegnen uns überall, nicht nur im Lumdatal und auch nicht nur in eindeutig gerichteten Zeitungen oder Nazidemos, sondern im Alltag und dem müssen wir alle entgegen stehen.

Jetzt könnte man sich fragen: Warum dann jetzt ausgerechnet eine verstärkte Unterstützung für das Lumdatal? Im Lumdatal ist die Situation eine andere. Die gezielte Bedrohung von Menschen, die für die Vielfalt vor Ort einstehen, der systematische Vandalismus, die Schändung von Gräbern und das Beschädigen von Privateigentümern von Andersdenkenden zeigen: Das hat eine neue Qualität. Hier versuchen sich ein paar Rechtsextreme Platz zu verschaffen.

Und da reicht es nicht, das Einzelne mahnende Worte aussprechen. Da muss die Gesellschafft vor Ort ein starkes Zeichen geben. Sagen, dass wir solche Aktionen und menschenverachtende, rechtsradikale Äußerungen nicht wollen. Und sagen: Hasstiraden und Gewalt haben hier keine Chance. Das Lumdatal bleibt Bunt.

Dabei reicht nicht, immer betroffen zu sein, man muss sich auch wehren. Nicht auf dem gleichen Niveau, aber doch merkbar.

Indem man ihnen zum Beispiel die Grundlage nimmt und aufklärt, was Rechtsextremismus eigentlich bedeutet, wofür es steht.

Oder indem man Solidarität bekennt, wie durch die letzten Mahnwachen im Lumdatal.

Das Netzwerk „Für Demokratie und Toleranz“ hat sich genau das zur Aufgabe gemacht. Und darum wollen wir sie auch, wo wir können, unterstützen und uns gerne beteiligen.

Bitte gestatten Sie mir noch eine letzte Bemerkung:

Nicht nur heute – ein tägliches Bekenntnis zu unserer Demokratie ist wichtig. Wir müssen sie nicht exportieren oder anderen aufzwängen aber wir müssen sie selbst leben. Oder kurz gesagt: Wir müssen offen sein!

Meine Rede zum interfraktionellen Antrag “Das Lumdatal bleibt Bunt” im Gießener Kreistag

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